IM Ernst

27. Juli 2009

Am Tag, als Bündnis/Grüne (für mich) starb…

Filed under: Allgemein,Lächerlich,Zensur — imernst @ 14:20

Seit ich denken kann, mache ich mein Kreuz auf jedem daherfliegenden Wahlzettel bei einer Partei, die im großen und ganzen mit grüner Farbe für sich wirbt. Nicht, daß ich nicht mal mit der einen oder anderen Marginalie nicht konform gegangen wäre, derlei gehört in eine lebendige demokratische Partei hinein.

Was aber tun mit einer Partei, die sich einerseits Bürgerrechte groß auf die Sonnenblumen schreibt, gleichwohl aber bei einer der vermutlich verfassungswidrigsten Gesetzgebungsaktionen einer großen Koalition in diesem Land auf die platten Erpressungsversuche („wer nicht gegen Kinderporno ist, ist dafür“) hineinfällt und sich zu einem Drittel feige der Gegenstimme enthält, dies auch noch großmütig als Fehler eingesteht und Besserung gelobt und schließlich mit einem vor rechtskonservativer Angstrabulistik nur so strotzenden Stimmungskommentar ausgerechnet in der Springerpresse dem eisernen Internetbesen das Wort redet, damit endlich mal die

unerträgliche Leichtigkeit des Internets

hinweggefegt wird?

[Die] Anhänger [der Virtualisierung der Welt] kämpfen mit hoch effektiven Mitteln für die Rechtsfreiheit ihres Raumes. Wer sich in ihre Scheinwelt einmischen will, wird mit Massenpetitionen per Mausklick weggebissen.

Matthias Güldner heißt der Mann, der hier ungefähr so mit dem Bösen der Welt abzurechnen scheint, wie es sonst nur Hadsch-Pilgerer tun, die den durch Säulen stilisierten Satan mit Felsbrocken steinigen. Bei letzteren handelt es sich freilich um eine jahrhundertealte religiöse Wallfahrtshandlung. Was ersteren indes zu Tiraden wie

Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszugehen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert. Anders kann die ignorante Argumentation gegen die Internetsperren gar nicht erklärt werden

oder gar bereits widerlegtem Unsinn wie

… in Skandinavien wurden schon positive Erfahrungen mit vergleichbaren Gesetzen gemacht.

und schließlich Anachronismen wie

Die Glorifizierung des Internets wird vergehen.

verleitet, vermag ich mir nicht zu erklären. Immerhin: Seit der Durchwinkung des schändlichen Zensurgesetzes durch Bundesrat und -tag ist dies immerhin die erste eindeutige öffentliche und vor allem: Ehrlich und unzweideutig vorgetragene Positionierung aus den Reihen dieser Partei. Daß sie in die entgegengesetzte Richtung von dem geht, was ich felsenfest und gleichwohl als Anstoß für meine diesjährige Wahlentscheidung erwartet habe, ist, je länger ich darüber nachdenke, ein Glücksfall:

Dieses Jahr werde ich mit Traditionen brechen. Klar zum Ändern!

Nachtrag #1
(Wie erwartet) hat mich das nicht als einzigen zutiefst und irreversibel verletzt – öffentliche Parteiaustritte folgen bereits auf dem Fuß. Man darf (wenn man noch möchte) auf die Phrasenmaschine gespannt sein, die dieses kommunikative Meisterstück auszubügeln versucht.

Nachtrag #2
Eine gepflegte Verschwörungstheorie kam mir gerade in den Sinn. Bekanntlich ist das „Einzelne unglaubliche Thesen lostreten lassen, von denen man sich dann als Partei gründlich distanziert“ bei professionellen Parteistrategen ein beliebtes und bekanntes Werkzeug, um in Wählertümpeln zu fischen, mit denen offiziell nichts am Hut haben will. Und durch die offizielle Parteilinie „(Ki)Po“, Gewalt und Co. sind jene Emma-Wiedergängerinnen, die nicht zuletzt einen Großteil der 15 enthaltsamen Pharisäer ausgemacht haben, sicher alles andere als erheitert. Sie verstehen, Frau Nachtigall?

Nachtrag #3:
Nachdem ich meinen Unmut auch Steffi Lemke mitsamt einem Abschiedsgruß recht deutlich mitgeteilt habe, erhielt ich eine lauwarme Antwort aus ihrem Büro zurück. Aus der möchte ich nur einen einzigen Absatz zitieren, der für mich eigentlich alles zum Thema Güldner im Besonderen und der „klaren Parteilinie“ in Sachen digitale Bürgerrechte im Allgemeinen sagt:

Dass wir nicht schärfer reagieren liegt schlicht daran, dass Matthias sonst durchaus respektabel und deutlich Grüne Positionen vertritt. Ein weiteres Aufheizen der Debatte, auch durch eine schärfere Sprache, ist zudem sicherlich in niemandes Interesse.

Meine Fresse, was für Zeiten.

Nachtrag #4:

Und noch ein schönes Beispiel, wie (wenig) schlimm man solchen Wortdurchfall findet und ein wenigstens indirektes Indiz für Nachtrag #2 gibt Julia Seeliger, ehemaliges Parteirats-Mitglied der Grünen, in einer wenigstens halbherzig konträren Replik an Herrn Güldner ab. Nachdem ihr diese Halbherzigkeit von einigen Kommentatoren reichlich aufs Brot geschmiert wird, kann auch sie nicht mehr an sich halten und offenbart ihre Gefühlslage zu soviel ungefilterter  (Ex-)Wähler-Meinung:

Heult doch, Leute, wenn ihr euer verkorkstes Bild über Parteien habt, kann ich da auch nicht mehr helfen. Herr, lass Hirn vom Himmel regnen!

Das Mosaik fügt sich. Mal sehen, was da die nächsten Wochen noch so an giftgrüner Soße ans Licht kommt.

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4 Kommentare »

  1. WAS ZUM TEUFEL?
    Hat dem Güldner einer einen Wischmopp im Hirn ausgequetscht? Welch konservativen Müll labert der da?
    Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, war und wird es nie! Das Internet ist auch kein Raum, sondern lediglich ein Kommunikationsnetzwerk, über welches Computer in aller Welt kommunizieren! Es gelten die Gesetze des Landes, in dem der Rechner steht! Zensur im Internet ist genau dasselbe wie Zensur im Telefonnetz! Zensur von Inhalten, obgleich es nun wirklich abartige Inhalte sind oder nicht, ist Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit!
    Die Grünen sollen verdammt aufpassen, dass sie nicht irgendwann von den Piraten überholt werden!

    Kommentar von doppeltnull — 27. Juli 2009 @ 15:57 | Antwort

    • Werden Sie. Zumindest, was meine Stimme betrifft (und noch ein, zwei weitere. oder so.)

      Ich habe schon gestern in der Sendung mit dem Osterhasen (das ist die, die vor der Sendung mit dem Glasauge läuft, die vor der Sendung mit der Helga läuft) gedacht: Der Özdemir, denn mochtest Du schon nicht, als er Bonusmeilen gemopst hat und den magst Du auch jetzt nicht, wenn er auf die Frage, warum er als Grüner jedes Wochenende per Flugzeug von B nach S pendelt, mit irgendeiner Ausrede daherkommt. Ist das wirklich noch die Partei, die Du wählen willst? Na, mal sehen. Insofern bin ich Herrn Güldner für die Entscheidungshilfe wirklich dankbar.

      Kommentar von imernst — 27. Juli 2009 @ 16:03 | Antwort

  2. Nun ja, meine Erklärung war nicht halbherzig. Sie war nur nicht das übliche Geschrei, das du vielleicht von woanders kennst.

    Aber nun ja. Es stört mich nicht.

    Kommentar von Julia Seeliger — 28. Juli 2009 @ 19:22 | Antwort

    • Danke für die schnelle Antwort. Bitte bedenke zunächst, daß ich Dich – persönlicher Blog hin oder her – hier als Vertreterin der Partei sehe. Als solche fügt sich dein, meinetwegen: von mir [und einigen anderen] vermißtes „Geschrei“ leider in ein Gesamtbild ein, bei dem ich (siehe weiter oben) mittlerweile immer mehr ein gewisses Quentchen Kalkül unterstelle. Auch, weil ich aus eigener Erfahrung/Anschauung weiß, wie „Realpolitik“ bisweilen nach Abschalten von Kamera und Mikrofon gemacht wird.

      Ganz basisdemokratisch betrachtet bilden „die 15“ mal einfach ein Drittel Eurer Zielgruppe ab, das ist zumindest die Annahme. Nach deren Nichtvotum folgt die gesamte Parteilinie einer „nicht-schreienden“, eher demonstrativ bestürzten Leitlinie, anschließend schreit ein Herr Güldner auf übelst-schwarze Weise, wird (nicht dafür, aber generell) von wiederum offizieller Seite als „insgesamt grünes“ Mitglied ausdrücklich in Schutz genommen – und schließlich fährst Du in, ich finde: deutlich unangemessener Weise Deine Leser an, weil sie das alles nicht prima finden.

      Was steht es mir an, das alles gut oder verwerflich zu finden – das ist meine Aufgabe nicht. Wenn „Eure“ Strategie die Güldner-Klientel mit ansprechen soll, ist das mehr oder weniger legitim. Sehr wohl aber darf ich dazu zum Glück (noch) meine paar Gramm Senf geben. Und die lauten: Das Bild, das diese Partei, je näher an der Wahl, je klarer, abgibt, entspricht immer weniger dem, was ich bislang zu sehen meinte. Und ich glaube, diesen Senf geben sich momentan mehr Leute, als Euch (und, bis neulich: mir) lieb sein darf.

      Kommentar von imernst — 28. Juli 2009 @ 19:36 | Antwort


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