IM Ernst

23. Juni 2009

Zeitreise ohne Zeitsprung

Filed under: Angst! — imernst @ 12:01

Seit ich mich mit Geschichte auseinandersetze, hatte ich immer eine seltsame Vorstellung, Idee – „Wunsch“ möchte ich sie (heute) gar nicht mehr nennen. Und die ging so: Ich hätte mittels einer Zeitmaschine in die Entstehungszeit eines totalitären Systems, namentlich: der dunkelbraunen deutschen Epoche, reisen können, um das Unvorstellbare vor Ort (oder besser „zur Laufzeit“)  mitzuerleben : Wie die ganz normalen, in Geschichtsbüchern allenfalls als namenlose Masse auftauchenden „kleinen Leute“ sehenden Auges die Entstehung dieser Systeme über sich ergehen lassen konnten, ohne aufzuschreien. Die mußten doch das Gesamtbild der Gefahr, die sich da klar abzeichnete, erkennen! Die konnten doch nicht, nachdem der Spuk endlich vorbei war, behaupten, sie hätten das weder bemerkt noch unterstützt!

Ich sollte vermutlich dankbar sein. Meine Idee ist nämlich, bis auf ein paar Kleinigkeiten, wahr geworden. Wenn man mal den nicht erfolgten (aber auch nicht mehr nötigen) Zeitsprung ausblendet und die Tatsache, daß man (oder wenigstens: ich) den gegenwärtigen Masterplan, die Strippenzieher und die einzelnen Motivationen im Gegensatz zur Rückschau noch nicht genau ausmachen kann und natürlich den Umstand, daß das ganze (wie auch im Theater üblich, wenn Klassiker gegeben werden) in zeitgemäß wirkendem Gewand daherkommt und heute weniger nationalistisch als kontinentalglobal geschieht – dann muß ich mit Entsetzen feststellen, daß ich nicht nur mittendrin in einem solchen Szenario zu stecken scheine, sondern, und das tut besonders weh: dessen, was sich da abzeichnet auch erst jetzt, da es womöglich schon fast zu spät ist, gewahr werde.

Genau wie weiland gibt es

und so vieles mehr, was man – im mal mehr, mal weniger übertragenen Sinne – einst in der Schule als eindeutige Kennzeichen eines sich entwickelnden totalitären Systems eingebleut bekam.

Und auch die Lösung des mir oben selbst aufgegebenen Rätsels habe ich scheinbar gefunden. Der „kleine Mann“ hat nämlich gar keine Zeit, sich mit „solchem Quatsch“ zu beschäftigen: Vom Lohn, so er noch welchen bekommt, bleibt ohnehin schon so wenig hängen, daß er zusehen muß, wo er bleibt; wer keinen Lohn bekommt ist hinlänglich mit dem Beweisen und/oder Stillen des täglichen Hungers (nach billigem Essen und, mit viel Glück, etwas Lebensinhalt) beschäftigt und gemeinsam hat man „ohnehin die Schnauze voll“, weil „die da oben sich sowieso nicht“ um ihn, den kleinen Mann, sondern „die Reichen“ kümmern. Da beläßt man es „gezwungenermaßen“ dabei, auf dem Weg von daheim zur Arbeit oder von Nebenjob zwo zu Nebenjob vier die eigene Attitüde mit dem Gehalt in billige Schlagzeilen geronnener veröffentlichter  Meinung zu aktualisieren oder sich mehrmals wöchentlich in so genannten „Polittalks“ bestätigen zu lassen, was man ohnehin längst zu wissen wähnt: „Es bringt eh nichts, die machen ja sowieso,  was sie wollen.“

So funktioniert das also.  Erst ein Klima schaffen, das möglichst viele desinteressiert, dann in Ruhe und mit Hilfe kontrollierbarer Meinungs-„Bild“-ung polarisieren und unbeobachtet von der lästigen Masse bastelt man sich mit dem Namen nach rechtschaffen klingenden Gesetzen („Bekämpfung von Kinderpornographie“, „Abwehr des internationalen Terrorismus“, „Luftsicherheit“) die Welt von morgen. Wie auch immer die aussehen soll. Eigentlich hätte man es wissen können, hätte man in der Schule richtig aufgepaßt.

Bleibt die Frage: Was tun? Exil und wenn ja, wo? Widerstand, aber wie und wie lange? „Innere Emigration“, doch um welchen Preis? Ein sehr kafkaesker Zustand.

Ich sprach eingangs von „Vorstellung“, „Idee“ und, negierend!, vom „Wunsch“. Das Wort „Traum“ habe ich mir verkniffen, denn natürlich würde ich eigentlich lieber schleunigst aufwachen.

Immerhin: Mir geht es nicht allein so. Auch dem Selbstverständnis nach Konservative erwachen nun mit Bauchweh und Wut und beginnen sich zu regen. Und einige plausible Ratschläge, im September diese Koalition der Grundrechtsfeinde abzuwählen, gibt es auch. Möge es ein Zeichen der Hoffnung sein!

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