IM Ernst

3. Juni 2009

„Ein Faustischer Pakt“

Filed under: Angst!,Spitzelstaat — imernst @ 08:41

Die Frankfurter Rundschau übersetzt einen Artikel des chinesischen Schriftstellers Ma Jian. Der beschreibt vor dem Hintergrund des zwangzigsten Tiananmen-Jahrestags die erschreckende Alltagsrealität seiner Heimat:

„Das chinesische Volk hat einen faustischen Pakt mit der Regierung geschlossen, bei dem es seine politische und intellektuelle Freiheit zugunsten von materieller Sicherheit aufgibt. Man lebt im Wohlstand und jegliche Beschwerden oder Klagen sind verboten.“

Nun ist diese einfache wie treffende Beschreibung der dortigen Verhältnisse nicht neu, sondern vielmehr seit langem bekannt als die chinesische Auslegung des Kommunismus: Den verhaßten Kapitalismus zu überwinden, indem man ihn vorübergehend und um jeden Preis durchsetzt – oder: Gib dem Volk zu essen und stell es ruhig, dann folgt es Dir überall hin. Doch noch schlimmer ist, daß ich mehr als einen in unserem – bislang und hoffentlich auch künftig – vergleichsweise freien und rechtsstaatlich organisierten Land kenne, der mit Aussagen wie „wenn’s der Sicherheit dient“ oder „Hauptsache Essen, Fernsehen und Urlaub“ jeden beleidigt, der wie 1989 die chinesischen Studenten, aufs tägliche Brot pfeifend das Menschenrecht auf freie Selbstbestimmung einfordert.

Wer vor diesem Hintergrund immer noch darauf verweist, nichts zu verbergen zu haben, muß sich schon die Frage gefallen lassen, welche Ansprüche er abseits der physikalischen Nahrungsmitteltransformation an sein Leben hat. Wie anders man das sehen kann, ja, mit einigem Geist womöglich sehen muß, beschreibt der Autor in so erschütternder wie treffender Weise:

„Manche liefen absichtlich in das Gewehrfeuer, und vielleicht war dann ihr letzter Gedanke: Schlimmer kann es nicht werden; danach kommt das Licht. Die versklavten Körper entschieden sich zu fallen, so daß Millionen nach ihnen sich wieder in Freiheit über die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit erheben können. Der einzige Grund für Selbstaufopferung besteht darin, die Unterdrücker dazu zu zwingen, mit der Last ihrer Schuld zu leben.“

Ich verneige mich in Respekt vor jedem, der, und sei es nur aus Verzweiflung, die Freiheit anderer oder seiner selbst über die nächste Mahlzeit oder auch nur die nächste Tankfüllung stellt. Und vor Menschen, die uns durch permanentes Erinnern daran hindern, in tumbe Gleichgültigkeit zu verfallen oder blind für Unrecht zu werden.

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